Entnetzung & Entstaltung

„Der Körper mit seiner wunderbaren Ordnung ist dafür verantwortlich,
daß die Schätze der vergangenen Umgebung in das lebende Ereignis ausgeschüttet werden. Der abschließende Wahrnehmungsweg der Ereignisse ist vielleicht irgendein Faden von Vorkommnissen, die im ›leeren‹ Raum der Zwischenzonen des Gehirns wandern.
Er arbeitet nicht, auch spinnt er nicht. Er empfängt von der Vergangenheit; er lebt in der Gegenwart.“ — Alfred North Whitehead

John Lachs schrieb 1981 in ‘Intermediate Man’ darüber, wie unsere psychische Distanz zu den Folgen unserer Handlungen, das Wissen über die Bedingungen unserer Existenz verdunkelt. Er schrieb über die Verhältnismäßigkeit zwischen der Distanz, die wir zu unseren Handlungen empfinden und unserer Unkenntnis über sie. Die Unkenntnis galt für Lachs als Maß für die Länge der Kette von Vermittlern zwischen uns und unseren Handlungen. Diese zu kürzen, wäre das eine Form von ‘Entnetzung’? Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir unsere eigenen Rechte (siehe Art. 12) im Sinn haben, wenn wir denkende Menschen dazu aufrufen, ihre eigenen Verhältnisse unsichtbar zu stellen. Worum aber geht es sonst, wenn wir in Studienprojekten die Potentiale unserer kybernetischen Experimentierbaukästen ausloten lassen? Benjamins politische Idee von der ‘Entstaltung’ erzählt von Zuständen, die offen sind, noch nicht geordnet, ungeschrieben.

Nun haben wir zwei Worte für das Design … ‘Entnetzung‘ und ‘Entstaltung‘ … denken wir darüber nach …

Whitehead, Alfred North (1929 / 2018). Prozeß und Realität.
Entwurf einer Kosmologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S.607.

Lachs, John (1981). Intermediate Man. Indianapolis: 
Hackett Publishing Company, Inc. S.13.

Stäheli, Urs (2021). Soziologie der Entnetzung. 
Berlin: Suhrkamp.
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