{"id":9774,"date":"2023-12-07T17:04:38","date_gmt":"2023-12-07T16:04:38","guid":{"rendered":"https:\/\/postmodular.de\/?p=9774"},"modified":"2023-12-11T09:31:33","modified_gmt":"2023-12-11T08:31:33","slug":"tum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/postmodular.de\/category\/post\/tum\/","title":{"rendered":"Ideating Society&#8217;s New Operating System"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Bild oben: Prof. Dr. em. Herbert Burkert, Prof. Dr. Urs Gasser (Rektor, Hochschule f\u00fcr Politik, M\u00fcnchen), Gerhard M. Buurman<\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In der vergangenen Woche (25. &#8211; 27.11.2023) fand im Kloster Raitenhaslach das erste \u00bb<\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Festival der Ideen<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">\u00ab der TU M\u00fcnchen statt. Entwickelt und (gro\u00dfartig) organisiert wurde das Treffen von Prof. Dr. Urs Gasser (Hochschule f\u00fcr Politik, M\u00fcnchen) und seinem Team. Zu diesem Anlass haben die Organisatoren einen Gedanken skizziert, der die Gespr\u00e4che in den historischen R\u00e4umlichkeiten der ehemaligen Zisterzienser-Abtei <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Raitenhaslach <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">initiieren oder gar leiten sollte. Die Einladung an die Teilnehmer:innen war \u00fcberschrieben mit dem Ziel \u201e<\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Ideating Society&#8217;s New Operating System<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">\u201c. Angesichts des \u00bb<\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">technisch M\u00f6glichen<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">\u00ab sollten wir gemeinsam Ideen f\u00fcr das \u00bb<\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">gesellschaftlich Notwendige<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">\u00ab entwickeln. Aus politikwissenschaftlicher Sicht ging es also um nicht weniger, als um Fragen der Regierungskunst oder gar um \u00bbKybernetik\u00ab. Historisch ist die Wahl dieses Begriffes nicht ganz abwegig, war es doch der Physiker Andr\u00e9-Marie Amp\u00e8re, der vor 180 Jahren die allgemeine Steuerungskunst (\u00bb<\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Cybern\u00e9tique<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">\u00ab<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">) als Aufgabe der Politik beschrieb (L&#8217;art de gouverner en g\u00e9n\u00e9ral).\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Nat\u00fcrlich war der Begriff \u00bb<\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Operating System<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">\u00ab kontrovers, der semantische \u00dcberschuss gewaltig. In den ersten Vortr\u00e4gen und Gespr\u00e4chen wurde erwartungsgem\u00e4\u00df die Frage aufgeworfen, ob wir die \u00bb<\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Conditio Humana<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">\u00ab derart \u2014 wenn auch nur metaphorisch \u2014 in den Grenzen des Technischen verhandeln d\u00fcrfen. Es war die Auseinandersetzung zwischen dem, was in der politischen Literatur als \u00bb<\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Human-Centered Government<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">\u00ab bezeichnet wird und jenen Positionen, die unter dem Stichwort \u00bb<\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Algorithmic Government<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">\u00ab verhandelt werden. Entsprechend oszillierte die Stimmung zwischen \u00bb<\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Vertrauen in uns Menschen<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">\u00ab und \u00bb<\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Kontrolle \u00fcber das Fremde in uns<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">\u00ab. Ich w\u00fcrde sagen \u2014 dieses war ein tragendes, wenn auch hintergr\u00fcndiges Gedankenschema der folgenden drei Tage.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Teilnehmerschaft aus den Bereichen Sozial,- Rechts- und Politikwissenschaft, Diplomatie, Philosophie, Robotik, Social Software, Quantenphysik, Leadership, Artificial Intelligence, Design und Kunst befruchtete diese Debatte so sachverst\u00e4ndig wie erfahren. In den folgenden Plenarsitzungen und Sessions ging es dann nicht um die Technologien selbst, vielmehr ging es um die Frage ihrer m\u00f6glichen Tiefenwirkung auf das Ganze der Realit\u00e4t \u2014 oder eben um das transzendentale Subjekt (Weltgeist?). Im Gespr\u00e4ch formten sich Denkstile, die sachdienliche Hinweise auf ihre Absender zulie\u00dfen, es ging um Fragen des gesellschaftlichen Miteinanders, um technische und prozessuale Aspekte der politischen Willensbildung oder auch um Kommunikation und Bildung (allg.). Die Art der Beitr\u00e4ge in den Plenarsitzungen und Arbeitsgruppen zeigte die Bereitschaft der Teilnehmer:innen, das eigene Spezialwissen nicht zur Demarkation wissenschaftlicher Verantwortungshorizonte einzusetzen. Vielmehr hatte die Mehrheit ein sichtliches Interesse an einem offenen Erfahrungsaustausch und grenz\u00fcberschreitenden Gespr\u00e4chen. Leise und unausgesprochen die Einsicht, \u00bbdas Andere\u00ab jeweils nicht ganz zu verstehen. Gerade das k\u00f6nnte f\u00fcr die Sache-an-sich erkenntnisleitend sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Vermeintlich fehlten hier all jene Menschen, die wir als \u00bbNutzer:innen\u00ab unserer Ideen verstehen m\u00fcssten. Waren doch all jene wahrscheinlich nicht anwesend, die ganz andere \u00bbIdeale\u00ab leben, jene eingeschlossen, denen Gesellschaft als Thema und Anliegen prinzipiell gleichg\u00fcltig ist. Zivilisierte Gesellschaften k\u00f6nnen wissen, dass die Frage \u00bbguter Regierungskunst\u00ab theoretisch von einem Beobachtungspunkt aus zu beantworten ist, der das Gesellschaftsganze im Blick hat. Gerade als Wissenschaftler:innen m\u00fcssen wir uns aber fragen, wie wir uns, als Beobachter:innen, je von dem Gegenstand entfernen k\u00f6nnten, dessen unl\u00f6sbarer Teil wir sind. In den Gespr\u00e4chen wurde immer wieder klar, dass wir nicht nur die aktiven oder aktivistischen Entwickler:innen sind, sondern immer auch passive Nutzer:innen jener Verh\u00e4ltnisse, an deren Erschaffung wir mitwirken. \u00bbObjektivit\u00e4t\u00ab oder \u00bbUnabh\u00e4ngigkeit\u00ab ist daher schon ein theoretisch nicht einl\u00f6sbarer Anspruch und die mereologische Frage nach den Zusammenh\u00e4ngen von \u00bbTeil\u00ab und \u00bbGanzem\u00ab bleibt evident. Expert:innen k\u00f6nnen in technischer Weise \u00fcber Gesellschaft nachdenken, sie k\u00f6nnen abstrakte politische Grenzen und Zust\u00e4ndigkeiten formulieren, Strukturen und Institutionen modellieren \u2014 aber fundamental erscheint doch die Notwendigkeit, dass wir in diesem Prozess tats\u00e4chlich bei oder mit uns sind. Die Realisierung einer \u00bbgerechten Gesellschaft\u00ab h\u00e4ngt davon ab, wie es dem politischen Menschen gelingt, in den technisch organisierten Zwischenr\u00e4umen in all seiner Komplexit\u00e4t ein Mensch zu bleiben.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Aus meiner Sicht war es dann auch eine essentielle \u00bbNebens\u00e4chlichkeit\u00ab dieses Meetings, dass sich im respektvollen, wertsch\u00e4tzenden, interessierten und kultivierten Austausch das kristallisierte, um was es ging: <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">\u00bbGesellschaft im Werden\u00ab<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">. Immer wieder neu bildeten sich Gespr\u00e4chsrunden und thematische Formationen. Vor allem in den Pausen und den Zwischenr\u00e4umen des Programmes entwickelten sich phantasievolle Gedanken und Ideen. Pers\u00f6nliche Sympathien, der Zufall, Netzwerkinteressen und nat\u00fcrlich fachliche Attraktoren waren dabei so produktive wie formbildende Kr\u00e4fte. Der Austausch der Fakult\u00e4ten und die gleichzeitige Allt\u00e4glichkeit der menschlichen Verh\u00e4ltnisse verschmolzen zu einer bereichernden Erfahrung. Keine noch so elegante, technisch vermittelte Interaktion (Kommunikation unter Nicht-Anwesenden) kann das leisten. Erst im unvermittelten Gespr\u00e4ch mit dem \u00bbAnderen\u00ab realisieren wir die eigenen Grenzen \u2014 in ihrer ganzen sinnlichen Vielfalt.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">So schien es dann am Ende der Veranstaltung umso unvorstellbarer, die Technik als dominierende oder gar verbleibende Mittlerin jener Verh\u00e4ltnisse einzusetzen, die uns Menschen zur Gesellschaft figurieren. Alle Modelle, all die ordnenden Vorschriften verstehe ich als vektorielle Kr\u00e4fte mit abstrakten, skalaren Parametern. Mit ihnen k\u00f6nnen wir Modelle bauen und Theorien formen. Die \u00bb<\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Gesellschaft im Werden<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">\u00ab aber, das sind und bleiben wir Menschen. Alfred North Whitehead schrieb in <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Adventures of Ideas<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\"> zur Bedeutung der wahrheitsgem\u00e4\u00dfen Beziehung des Scheins (Modell) zur Wirklichkeit (Realit\u00e4t). Um diesen bedeutenden Unterschied wach zu halten &#8211; so Whitehead &#8211; braucht die Zivilisation einer Gesellschaft die Tugenden der Wahrheit, der Sch\u00f6nheit, des Abenteuers und der Kunst. Das TUM Festival der Ideen 2023 hat diesen Gedanken auf beste Weise lebendig werden lassen.<\/span><\/p>\n<pre>\u00bbDas Schicksal des Menschen ist der Mensch.\u00ab \r\n                                 Bertolt Brecht<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bild oben: Prof. Dr. em. Herbert Burkert, Prof. Dr. Urs Gasser (Rektor, Hochschule f\u00fcr Politik, M\u00fcnchen), Gerhard M. Buurman In der vergangenen Woche (25. &#8211; 27.11.2023) fand im Kloster Raitenhaslach<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":9775,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[91,313,58],"tags":[237,77,208,201,32,43,297,178,135,57,279],"class_list":["post-9774","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-post","category-rezensionen","category-workshops","tag-digitale-transformation","tag-episteme","tag-kybernetik","tag-legal-design","tag-modell","tag-multisensory-jurisprudence","tag-rechtsvisualisierung","tag-tu-muenchen","tag-universitaet-st-gallen","tag-zivilgesellschaft","tag-zukunft-der-universitaet","comments-off"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/postmodular.de\/category\/post\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9774","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/postmodular.de\/category\/post\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/postmodular.de\/category\/post\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/postmodular.de\/category\/post\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/postmodular.de\/category\/post\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9774"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/postmodular.de\/category\/post\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9774\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9805,"href":"https:\/\/postmodular.de\/category\/post\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9774\/revisions\/9805"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/postmodular.de\/category\/post\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9775"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/postmodular.de\/category\/post\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9774"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/postmodular.de\/category\/post\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9774"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/postmodular.de\/category\/post\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9774"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}